Die erste Szene, vollständig
1.1 Die Frage in der Pause
Es war eine ganz normale Pause.
Haval saß mit Jonas und Marie auf der niedrigen Mauer beim Fahrradständer, da, wo im Winter niemand sitzt und im März plötzlich alle.
Jonas aß ein Brötchen und redete über irgendetwas anderes. Dann sagte er, mit vollem Mund, ohne jede Absicht:
„Sag mal, du bist doch Muslim, oder?“
„Nee“, sagte Haval.
„Nicht?“
„Nee. Jeside.“
Jonas kaute weiter.
„Was ist das?“
Und da passierte es.
Haval öffnete den Mund.
Er hatte das Wort tausendmal gesagt. Bei der Anmeldung im Verein. Im Religionsunterricht, als sie herumgegangen waren. Zu Hause, wenn jemand fragte, warum sie an manchen Tagen zu seinem Onkel fuhren.
Er hatte es tausendmal gesagt und noch nie erklärt.
„Das ist so eine Religion“, sagte er.
Jonas nickte. Er wartete.
„Also – eine eigene. Nicht Islam, nicht Christentum. Eigene.“
„Okay“, sagte Jonas. „Und was glaubt ihr da so?“
Und Haval sagte: „An Gott.“
Dann war Stille.
Marie sah ihn an, und es war nicht gemein, und genau das machte es schlimmer.
„Cool“, sagte Jonas irgendwann und redete über etwas anderes weiter.
Es war ihm nicht peinlich, Jeside zu sein.
Das war der Punkt, den er später bei sich selbst nicht gleich fand. Er suchte eine ganze Stunde lang an der falschen Stelle.
Ihm war peinlich, dass er nichts hatte.
Jonas hätte ihm über seine Kirche zwei Sätze sagen können. Kevser hätte über den Ramadan reden können, bis es klingelt. Haval hatte ein Wort und dahinter nichts. Ein Etikett auf einer leeren Schachtel.
In der vierten Stunde tippte er es unter dem Tisch ins Handy.
Jesiden
Er las vier Minuten. Danach wusste er weniger als vorher.
Da stand etwas von Engeln. Da stand etwas von einem Pfau. Da standen zwei Seiten, die sich widersprachen, und eine dritte, bei der er nach zwei Sätzen aufhörte, weil ihm heiß wurde.
Er steckte das Handy weg.
Er hatte gerade zum ersten Mal gemerkt, dass es über ihn Texte gab, die er nicht beurteilen konnte.
Zu Hause war sein Vater in der Küche und schnitt Zwiebeln.
Haval stellte sich an den Türrahmen.
„Baba. Was sind wir eigentlich genau?“
Sein Vater sah nicht hoch.
„Êzîdî.“
„Ja, aber – was heißt das? Wenn mich einer fragt. Was sage ich?“
Das Messer hörte auf.
Es war nur eine Sekunde, aber Haval merkte es, so wie man merkt, wenn ein Motor kurz aussetzt.
„Dass wir an einen Gott glauben“, sagte sein Vater. „Dass wir eine sehr alte Religion haben.“
„Und weiter?“
Sein Vater schnitt weiter.
„Frag deine Dapîra.“
„Ich frag aber dich.“
„Ich weiß es nicht mehr richtig“, sagte sein Vater.
Er sagte es nicht traurig. Er sagte es wie eine Uhrzeit.
„Ich hab’s gehört, als ich klein war. Bei uns saßen die Alten zusammen, da lief das nebenbei. Hier läuft nichts nebenbei.“ Er schob die Zwiebeln zusammen. „Ich könnte dir Sachen sagen. Die Hälfte wäre falsch. Das will ich nicht.“
Dann ging er zum Herd, und das Gespräch war zu Ende.
Haval stand noch einen Moment im Türrahmen.
Er hatte gedacht, er sei der Einzige in der Familie, der es nicht kann.
Am Samstag fuhr er zu seiner Großmutter.
Dapîra Besê wohnte drei Stockwerke über der Hauptstraße, an einer Stelle, wo alle sieben Minuten die Straßenbahn vorbeikommt und das Glas in der Vitrine leise klirrt. Es klirrt seit vierzehn Jahren, und sie hat es nie festgemacht.
Sie machte auf, sah ihn an und sagte:
„Du kommst allein.“
„Ja.“
„Dann willst du was.“
Sie ließ ihn rein.
Sie stellte ihm ein Glas Tee hin, ohne zu fragen, und setzte sich ihm gegenüber. Sie brauchte dafür einen Moment. Das Knie war nicht mehr das Beste.
Haval hatte sich unterwegs einen Satz zurechtgelegt und benutzte ihn nicht.
„Jonas hat mich in der Pause gefragt, was Jesiden sind“, sagte er. „Und ich konnte nichts sagen. Gar nichts.“
Besê nickte langsam.
„Und jetzt?“
„Und jetzt will ich, dass du’s mir erzählst.“
Sie sah ihn eine Weile an. Länger, als angenehm war.
„Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe?“, sagte sie dann.
„Warum hast du nicht einfach angefangen?“
„Weil das nicht geht.“ Besê zuckte mit den Schultern. „Wenn ich anfange, hörst du zu, weil ich alt bin. Wenn du fragst, hörst du zu, weil du es wissen willst. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.“
Haval trank einen Schluck. Der Tee war zu heiß. Bei ihr war er immer zu heiß.
„Aber eins sage ich dir vorher“, sagte Besê. „Sonst hat das keinen Sinn.“
„Okay.“
„Ich bin nicht gelehrt. Ich bin eine alte Frau, die viel gehört hat.“ Sie legte die Hände auf den Tisch. „Ich erzähle dir, wie ich es gelernt habe. Nicht, wie es ist. Wenn dir jemand sagt, er weiß bei uns alles genau – der lügt, oder er ist dumm.“
„Das ist eine komische Werbung für dich selbst.“
„Das ist keine Werbung.“ Sie lächelte kurz. „Das ist die erste Sache, die du lernst. Merk sie dir besser als alles andere.“
Haval zog sein Handy heraus und legte es mit dem Display nach unten auf den Tisch, was bei ihm so etwas wie eine feierliche Handlung war.
„Gut“, sagte er. „Fang an.“
Besê stand auf.
„Nein.“
„Was, nein?“
Sie ging zum Schrank und kam mit nichts in der Hand zurück.
„Ich fange nicht mit dem an, was wir haben“, sagte Dapîra Besê. „Ich fange mit dem an, was wir nicht haben. Sonst verstehst du den Rest nie.“
„Und was haben wir nicht?“
Sie setzte sich wieder hin.
„Ein Buch.“
Neun Kapitel
1 Die Frage: Die Frage in der Pause · Eine Religion, die man nicht aufschlagen kann · Woher wir kommen und wo wir heute leben
2 Gott und die Sieben: Xwedê · Die Sieben · Tawûsî Melek · Warum es bei uns keinen Gegenspieler gibt
3 Wer die Religion trägt: Von wem bist du? · Die, die es auswendig können · Die, die es weitergegeben haben · Warum man nicht Jeside werden kann
4 Was man tut, ohne dass es einer sagt: Zur Sonne · Orte und der Mittwoch · Drei Tage im Dezember
5 Das Jahr: Xidir Nebî · Der rote Mittwoch · Die sieben Tage, bei denen wir nicht dabei sind · Was von uns beiden
6 Vom ersten bis zum letzten Tag: Das Wasser in der Flasche · Kirîv · Der Bruder des Jenseits · Wie wir Abschied nehmen · Die ohne Grab
7 Was heilig ist und was man nicht tut: Sonne, Feuer, Wasser, Erde · Die Sache mit dem Salat · Warum es keine Liste gibt
8 Laliş: Ein Tal, in das man barfuß geht · Der Mann, dessen Grab dort liegt · Der Anruf · Wir fahren
9 Und jetzt?: Das Referat · Dieselbe Frage, nur von innen · Was ich nicht sagen kann · Nimm mich auch auf