Beten Jesiden die Sonne an?
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Sonnenanbeter — das ist der zweite Satz, den Jesiden über sich hören. Gleich nach dem ersten, der noch schlimmer ist. Er stimmt nicht. Aber er kommt nicht aus dem Nichts, und deshalb lohnt es sich, ihn genau anzusehen.
Die kurze Antwort
Nein. Jesiden beten nicht die Sonne an. Sie beten in ihre Richtung.
Der Unterschied ist derselbe wie bei einem Muslim, der sich nach Mekka wendet: Er betet nicht die Kaaba an. Er richtet sich aus. Die Richtung ist eine Hilfe, kein Adressat.
Was tatsächlich passiert
Morgens wendet man sich dorthin, wo die Sonne aufgeht. Abends dorthin, wo sie untergeht. Gebetet wird leise, auf Kurmanji, oft im Stehen, oft am Fenster. Es dauert selten länger als ein oder zwei Minuten.
Am Ende hebt man häufig den Kragen des Hemdes oder der Jacke ein Stück an und führt ihn kurz an die Lippen. Wer nicht weiß, worauf er achten muss, sieht diese Bewegung ein Leben lang, ohne sie je zu bemerken.
Man braucht dafür kein Gebäude. Man braucht ein Fenster.
Warum ausgerechnet die Sonne
Weil sie das Licht ist. Jeden Morgen, umsonst, für alle gleich. Der Reiche bekommt nicht mehr davon als der Arme, der Gläubige nicht mehr als der Gleichgültige. Wer ein Zeichen dafür sucht, dass es etwas gibt, das größer ist als er selbst, findet schwer ein besseres.
Es gibt daneben eine sehr praktische Erklärung, und sie ist nicht weniger wahr: Eine Gemeinschaft, die über Jahrhunderte immer wieder fliehen musste, konnte sich keine Religion leisten, die an Gebäude gebunden ist.
Wie oft wird gebetet?
Hier wird es unordentlich, und das gehört zur ehrlichen Antwort dazu. Manche beten dreimal täglich — morgens, mittags, abends. Manche nur morgens. Viele nur manchmal. Und ziemlich viele gar nicht.
Es gibt keine Pflicht in dem Sinn, wie andere Religionen sie kennen. Niemand zählt mit. Niemand ruft von der Straße, dass es Zeit ist. Das hat eine schöne Seite und eine bittere: Was niemand einfordert, kann man auch einfach lassen. Und was eine Generation lässt, kann die nächste nicht mehr.
Für wen wird gebetet?
Das ist die Antwort, die die meisten überrascht. In der verbreiteten Form betet man nicht nur für sich. Man nimmt die anderen mit: die Familie, die Nachbarn, die Leute, die man nicht kennt. Am Ende alle.
Auch Nicht-Jesiden. Wer morgens anfängt zu sortieren, hat das Prinzip nicht verstanden.
Woher das Missverständnis kommt
Wer eine Religion nur von außen sieht, sieht Bewegungen. Er sieht Menschen, die sich in eine Richtung drehen, in der etwas Auffälliges steht — und schließt daraus auf das Ziel. Das ist kein böser Wille, das ist eine naheliegende Verwechslung.
Böse wird sie erst dann, wenn aus einer Beobachtung ein Urteil wird. Und das ist bei den Jesiden mehr als einmal passiert.
Wo das ausführlicher steht
In ÊZÎDÎ — Was wir wirklich glauben steht diese Szene am Anfang des vierten Kapitels: Ein Junge wacht bei seiner Großmutter auf dem Sofa auf und sieht sie am Fenster stehen. Er fragt sie beim Frühstück, was das war — und bekommt eine Antwort, die schärfer ausfällt, als er erwartet hat.