Was bedeutet Firman? Das Wort, das Jesiden für Verfolgung haben
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Wenn eine Gemeinschaft ein eigenes Wort für Verfolgung hat, sagt das etwas darüber, wie oft sie es gebraucht hat.
Das Wort
Firman ist das jesidische Wort für eine Verfolgungswelle — nicht für einen einzelnen Übergriff, sondern für eine Zeit, in der es an die Existenz ging. Der Begriff geht auf das persisch-osmanische fermân zurück, den Erlass, den Befehl von oben. Genau das war es meist auch: kein spontaner Ausbruch, sondern etwas Angeordnetes.
Wie viele Firman es im Lauf der Geschichte gab, wird verschieden gezählt. Eine bestimmte Zahl wird oft genannt und in vielen Familien weitergegeben; historisch nachprüfen lässt sie sich nicht. Wichtiger als die Zahl ist, was sie bedeutet: Verfolgung ist im jesidischen Gedächtnis kein Unfall, sondern ein wiederkehrendes Muster.
Şingal, August 2014
Şingal — auf Deutsch meist Sindschar — ist eine Bergregion im Nordwesten des Irak. Bis 2014 lebten dort sehr viele Jesiden.
Im August 2014 überfiel der sogenannte Islamische Staat die Region. Männer wurden getötet. Frauen und Kinder wurden verschleppt und versklavt. Hunderttausende flohen, viele auf den Berg selbst, wo sie tagelang ohne Wasser ausharrten.
Ein Teil der Verschleppten ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.
Warum 2014 anders war
Nicht, weil es schlimmer war als alles davor — darüber lässt sich nicht sinnvoll rechnen. Sondern weil zum ersten Mal jemand von außen den Namen dafür gefunden hat. Was in Şingal geschah, wird international als Völkermord eingeordnet; unter anderem die Vereinten Nationen und der Deutsche Bundestag haben das so benannt.
Für die Jesiden war es der jüngste Firman in einer langen Reihe. Für die Welt war es das erste Mal, dass sie hinsah.
Die eine Jahreszahl
In vielen jesidischen Vereinen in Deutschland hängt ein Brett mit Fotos der Verstorbenen. Unter den meisten stehen zwei Jahreszahlen — Geburt und Tod.
Unter manchen steht nur eine.
Das sind die Menschen, die seit 2014 verschwunden sind. Man kann die zweite Zahl nicht schreiben, solange man nicht weiß, ob sie stimmt. Für diese Familien hat nie eine Beerdigung stattgefunden. Kein Grab, kein Tag, an dem alle zusammenkommen und sagen, wer einer war. Manche warten seit über zehn Jahren.
Warum das Wort wichtig ist
Wer Firman sagt, sagt zweierlei zugleich: dass etwas Furchtbares geschehen ist — und dass es nicht das erste Mal war. Das Wort trägt die Erfahrung mit, dass so etwas wiederkommen kann.
Genau deshalb gibt es innerhalb der Gemeinschaft auch eine Sorge: dass am Ende nur noch der Schmerz übrig bleibt. Dass junge Jesiden über sich nichts mehr sagen können außer diesem einen. Wer nur das hat, hat am Ende einen Schmerz und keine Religion.
Wie man darüber spricht
In fast jeder jesidischen Gemeinde in Deutschland sitzt jemand, der aus Şingal gekommen ist. Meist wird diese Person höflich in Ruhe gelassen — weil niemand weiß, wie man fragt, und weil alle Angst haben, etwas kaputtzumachen.
Ob sie reden möchte, weiß man nicht. Es ist genau die Frage, die ihr nie jemand stellt.
Wo das ausführlicher steht
ÊZÎDÎ — Was wir wirklich glauben ist Band 1 einer Reihe und handelt vom Glauben, nicht von der Verfolgung. Şingal kommt in einer Szene vor, so weit es in einen Band über den Glauben gehört. Ausführlich behandelt es Band 3.