Kann man Jeside werden?
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Die Frage kommt fast immer freundlich. Jemand hat etwas über die Jesiden gelesen, fand es schön und fragt, ob man dazugehören könnte. Die Antwort ist trotzdem nein.
Die Regel
Jeside wird man durch Geburt. Beide Eltern müssen jesidisch sein — Vater und Mutter. Dann ist man es, ohne etwas dafür zu tun.
Es gibt keinen Weg von außen hinein. Keine Prüfung, kein Bekenntnis, keinen Kurs, den man belegt und danach gehört man dazu. Es gibt auch keine Ausnahme für gute Menschen, für Ehepartner oder für langjährige Freunde.
Und es gibt keine Mission. Es hat nie jemand versucht, andere vom Jesidentum zu überzeugen. Niemand steht an Türen. Das ist keine Zurückhaltung — es kommt in dieser Religion schlicht nicht vor.
Warum
Dafür gibt es zwei Gründe, und der zweite ist der unangenehmere.
Der erste: Es entspricht nicht dem Selbstverständnis. Eine Religion, die kein heiliges Buch kennt und deren Wissen über Generationen mündlich weitergegeben wurde, versteht sich nicht als Angebot, das man annimmt, sondern als Herkunft, in der man steht.
Der zweite: Wer klein ist und immer wieder drankommt, macht irgendwann zu. Eine Gemeinschaft, die man von außen betreten kann, kann man von außen auch auflösen — von innen heraus. Die Jesiden haben das nie riskiert. Das ist nicht Angst. Angst ist, wenn nichts passiert ist.
Was diese Regel kostet
Man kann sie nicht erklären, ohne den Preis dazuzusagen. Die Gemeinschaft wird nicht größer. Sie wird kleiner, Jahr für Jahr.
Junge Jesiden in Deutschland verlieben sich, wie junge Menschen sich überall verlieben. Dann steht in irgendeiner Küche eine Familie und weint, und beide Seiten haben Gründe. Manche Familien halten das aus. In anderen ruft eine Mutter ihr Kind nicht mehr an. Beides passiert, und beides passiert bei Leuten, die einander mögen.
Der Streit, den es wirklich gibt
Wer im Internet liest, die Sache sei entschieden, liest jemanden, der für eine Seite spricht. Innerhalb der Gemeinschaft wird darüber gerade offen gestritten — nicht in Foren, sondern in Familien, und auch weiter oben.
Die eine Seite sagt: Eine Regel ist eine Regel, sonst ist sie keine. Die andere sagt: Wenn wir in der Diaspora daran festhalten, sind wir in drei Generationen keine mehr.
Besonders umstritten ist der Fall, in dem nur ein Elternteil jesidisch ist. Dort verläuft die Trennlinie nicht zwischen Gläubigen und Zweiflern, sondern mitten durch Familien.
Wer eine klare Auskunft möchte, wird sie nicht bekommen. Der Streit ist offen — und er ist ehrlich.
Was die Antwort nicht bedeutet
Sie sagt nichts über die Person, die gefragt hat. Sie bedeutet nicht, dass jemand schlechter ist. Sie bedeutet nicht, dass man ihn nicht will. Sie bedeutet: Das ist eine Tür, die es nicht gibt — auch nicht für gute Leute.
Und sie hat eine Kehrseite, die selten mitgezählt wird: In der ganzen Geschichte hat kein Jeside jemals einen Menschen zu einem von ihnen gemacht, der es nicht wollte. Das ist keine Leistung. Es gehört nur zur selben Regel — man kann nicht das eine haben und das andere weglassen.
Wo das ausführlicher steht
In ÊZÎDÎ — Was wir wirklich glauben steht diese Frage im dritten Kapitel, und sie wird nicht von einem Fremden gestellt, sondern von einer Mitschülerin auf dem Weg zur Bushaltestelle. Das macht sie schwerer zu beantworten, nicht leichter.