Wer ist Tawûsî Melek? Der Pfau-Engel der Jesiden
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Wer den Namen zum ersten Mal hört, bekommt bei einer Suche zwei Dinge angezeigt: einen sehr bunten Vogel — und ein Wort, das man niemandem an den Kopf wirft. Beides gehört zusammen, und um zu verstehen wie, muss man eine Geschichte kennen.
Der Name
Tawûs heißt Pfau. Melek heißt Engel. Tawûsî Melek ist also, wörtlich, der Pfau-Engel.
Im jesidischen Glauben gibt es einen Gott, Xwedê. Er hat die Welt erschaffen und sie dann sieben Wesen anvertraut. Tawûsî Melek ist der Erste dieser Sieben — nicht ein zweiter Gott, sondern der, dem die Verantwortung für die Welt übergeben wurde.
Die Geschichte, an der sich alles entscheidet
Xwedê erschuf den ersten Menschen aus Erde. Dann rief er die Engel und befahl ihnen, sich vor diesem Menschen zu verneigen.
Alle verneigten sich. Einer nicht.
Wer diese Geschichte kennt, kennt sie meist mit einem anderen Ende. Dort ist derjenige, der sich weigerte, der Hochmütige, der Gefallene, der Verfluchte. Von da an ist er der Gegenspieler Gottes.
In der jesidischen Erzählung geht sie anders aus. Denn vorher — und das ist der entscheidende Satz — hatte Xwedê ihm verboten, sich vor irgendjemandem außer vor ihm selbst zu verneigen. Erst danach kam der zweite Befehl.
Es war also kein Ungehorsam. Es war eine Prüfung. Und er hat sie bestanden: Er hielt sich an das, was Gott ihm zuerst gesagt hatte, auch als es ihn alles kosten konnte. Deshalb steht er über den anderen sechs.
Dieselbe Geschichte. Zwei Enden.
Was daraus wurde
Man muss sich nur vorstellen, wie jemand von den Jesiden einen einzigen Satz hört: Sie ehren den, der sich nicht verneigt hat. Er kennt sein eigenes Ende der Geschichte. Er setzt es ein. Fertig ist das Urteil.
Aus diesem Urteil ist über Jahrhunderte sehr viel Blut geworden. Denn wer Menschen für Anbeter des Bösen hält, braucht keine Erlaubnis mehr. Dann ist er kein Mörder — dann räumt er auf.
Das ist keine ferne Geschichte. Der Vorwurf steht bis heute in Foren, in Schulhöfen, in Kommentarspalten.
Das Wort, das nicht ausgesprochen wird
Jesiden sprechen den Namen, den andere Religionen für den Gefallenen benutzen, nicht aus. Nicht als Scherz, nicht als Beispiel, nicht als Zitat. Manche vermeiden sogar Wörter, die nur ähnlich klingen.
Das ist keine Marotte. Für Jesiden ist es keine Bezeichnung für eine Sache, sondern eine Beleidigung dessen, dem die Welt anvertraut ist. Wer respektvoll mit Jesiden sprechen will, merkt sich diesen einen Punkt — und muss dafür nichts glauben.
Und wer ist dann der Teufel?
Niemand.
Im jesidischen Glauben gibt es keinen Gegner Gottes. Kein Wesen, das gegen Xwedê arbeitet und manchmal gewinnt. Das klingt zunächst wie eine Kleinigkeit, hat aber eine harte Konsequenz: Wenn nichts von außen versucht, dann liegt das Gute und das Schlechte in jedem Menschen selbst. Jeden Tag. Und jeder entscheidet, welches er herauslässt.
Das ist unbequem. Ein Teufel wäre praktisch — er ist eine Ausrede, die man haben kann. Die Jesiden haben sie nicht.
Der Vogel aus Bronze
Es gibt Figuren, die Tawûsî Melek darstellen: Senceq, aus Bronze. Sie wurden früher von Ort zu Ort durch die Dörfer getragen, damit die Menschen sie sehen konnten. Dieser Umgang heißt Tawûsgeran. Warum ausgerechnet ein Pfau, darauf gibt es mehrere Antworten — die schönste lautet: weil in einem einzigen Vogel alle Farben stecken, so wie in einem Gott die ganze Welt.
Wo das ausführlicher steht
Das zweite Kapitel von ÊZÎDÎ — Was wir wirklich glauben handelt von nichts anderem. Es beginnt damit, dass ein Junge in der Schulpause ein Wort auf einem Display gezeigt bekommt und nur „Nein" sagen kann — und danach keinen zweiten Satz hat.