Sind Jesiden Kurden? Eine ehrliche Antwort

Auf diese Frage bekommt man in jeder jesidischen Familie eine andere Antwort. Und keiner bleibt dabei ruhig. Wer eine schnelle Auskunft sucht, wird enttäuscht — nicht weil sich jemand ziert, sondern weil die Frage selbst mehrere Ebenen hat, die im Alltag ständig durcheinandergeraten.

Was unstrittig ist

Jesiden sprechen Kurmanji, den nördlichen kurdischen Dialekt. Nicht als erlernte Zweitsprache, sondern als Muttersprache, in der gebetet, gestritten und getröstet wird. Jesiden und muslimische Kurden haben jahrhundertelang in denselben Bergregionen gelebt, im Norden des Irak, im Südosten der Türkei, in Syrien. Das Essen ähnelt sich, die Musik teilweise auch, Hochzeitsbräuche überschneiden sich.

Wer also fragt, ob Jesiden kulturell und sprachlich zum kurdischen Raum gehören, bekommt eine klare Antwort: ja, offensichtlich.

Warum viele trotzdem Nein sagen

Dieselben Nachbarn, mit denen die Sprache geteilt wird, waren nicht immer nur Nachbarn. In den Verfolgungswellen der vergangenen Jahrhunderte stand nicht immer jemand von weit her vor der Tür. Wer ältere Jesiden fragt, wer damals kam, bekommt manchmal Namen von nebenan.

Und wer weiterfragt, bekommt noch etwas: Namen von Leuten, die gewarnt haben. Die versteckt haben. Die nicht verraten haben. Auch das waren dieselben Nachbarn.

Beides ist passiert. Das eine hebt das andere nicht auf. Wer nur eine Hälfte erzählt bekommt, sollte misstrauisch werden — egal welche.

Die drei Antworten, die es tatsächlich gibt

Innerhalb der jesidischen Gemeinschaft stehen sich im Wesentlichen drei Positionen gegenüber.

Erstens: Wir sind Kurden, und unsere Religion ist die älteste kurdische Religion — älter als der Islam in dieser Region. In dieser Lesart ist das Jesidentum der ursprüngliche Glaube eines Volkes, das später mehrheitlich zu etwas anderem wurde.

Zweitens: Wir sind ein eigenes Volk. Wir haben dieselbe Sprache abbekommen, weil wir am selben Ort gelebt haben — mehr nicht. Religion, Abstammungsordnung und Geschichte sind eigenständig, und eine gemeinsame Sprache macht daraus keine gemeinsame Herkunft.

Drittens: Die Frage ist erst wichtig geworden, als jemand einen Vorteil davon hatte. Wer Jesiden als Kurden zählt, vergrößert eine politische Zahl. Wer sie herausrechnet, verkleinert sie. In dieser Sicht ist die Debatte weniger eine Frage der Identität als der Statistik.

Warum die Frage so aufgeladen ist

Für eine kleine Gemeinschaft ist Zugehörigkeit kein akademisches Thema. Sie entscheidet mit darüber, wer im Ernstfall schützt, wer im Parlament spricht, wessen Toten gezählt werden. Nach 2014 hat das an Schärfe gewonnen, nicht verloren.

Dazu kommt etwas, das von außen kaum zu sehen ist: Die Antwort verläuft oft quer durch Familien. Der Vater sagt das eine, die Tochter das andere, und beide meinen es ernst.

Was man mit gutem Gewissen sagen kann

Dass Sprache und Kultur eng verwandt sind. Dass die Religion eigenständig ist. Dass die Frage nach dem Volk innerhalb der Gemeinschaft offen ist und offen bleiben darf. Und dass die einzige Antwort, die niemand einem Jesiden wegnehmen kann, lautet: Ich bin Êzîdî.

Alles andere ist Politik, und Politik ändert sich alle zwanzig Jahre.

Wo das ausführlicher steht

Diese Frage ist eine von vielen, die in ÊZÎDÎ — Was wir wirklich glauben vorkommen. Das Buch erzählt sie nicht als Aufsatz, sondern als Gespräch zwischen einem Sechzehnjährigen und seiner Großmutter — mit dem Hinweis an jeder heiklen Stelle, wo es mehrere Antworten gibt.

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